Es liegt mir fern den Satz meines Grossvaters zu benutzen welcher sagt, dass heute halt nichts mehr so sei wie es früher einmal war. Immerhin war früher auch nicht alles immer nur gut. Und vorallem, wo endet das Früher und wo begann eigentlich das Heute. Trotzdem werde ich von Jahr zu Jahr den Eindruck nicht los, dass Weihnachten und die damit verbundene Adventszeit sich schon irgendwie verändert haben im Vergleich zu eben diesem "Früher". Mein Vergleich beruht dabei natürlich auf meiner Kindheit. Gerne erinnere ich mich dabei zum Beispiel an den 6. Dezember, als am Abend immer der Samichlaus (Nikolaus) bei uns zu Hause zu Besuch kam. Voller Ehrfurcht bin ich diesem stolzen Mann mit Bart jeweils begegnet. Bis mit eines Tages mein Schulfreud Daniel erzählt hat, dass bei ihm sein Onkel der Nikolaus sei. Okay, bei uns zu Hause war es nicht der Onkel von Daniel, wie sich später herausgestellt hat, sondern mein Götti. Fakt ist, die Illusion eins in Sachen Weihnachten gehörte der Vergangenheit an.
Die Wohnung der Familie von Monsieur Fischer glich während der Vorweihnachtszeit jeweils einer Bäckerei. Meine Mutter und mein Vater standen oft in der Küche und produzierten Guetzli am Laufmeter. Verschiedene Sorten, lecker gebacken, schön verziert. Die halbe Nachbarschaft und die gesamte Verwandtschaft waren in diesen Tagen häufig bei uns zu Gast um von den Leckereien zu probieren. Entsprechend hatte es auch in den Wochen vor dem Fest immer viele Leute bei uns zu Hause, welche bei einem Glas Wein eine Auszeit von der vorweihnachtlichen Hektik nahmen. Hektik? Gab es denn die damals schon... Ich erinnere mich nicht. Stress vor Weihnachten ist so eine Sache die ich erst festgestellt habe, lange nachdem ich aus dem Kindesalter raus war. Als kleiner Knirps hielten vermutlich meine Eltern allen Stress von mir weg oder sie liessen ihn gar nicht erst an sich heran. Jedenfalls ging das mit dem Besuch bei uns so weiter bis am Weihnachtsabend selber. Meine Grosseltern waren immer da und es hiess jeweils "Open House"! Es konnte kommen wer wollte: Singles, Wittwen, Ausländer ohne Familie in der Schweiz, von der Gesellschaft vergessene Menschen... Nach der Bescherung kam es dann schon mal vor, dass all diese Leute bei mir im Zimmer auf dem Boden lagen und wir gemeinsam das neue Spiel spielten, welches für mich unter dem Weihnachtsbaum lag.
Nun, und heute? Von meinen Grosseltern lebt nur noch ein Opa. Die Vorweihnachtszeit beginnt immer früher und trotzdem hat man den Eindruck man habe immer weniger Zeit für alle Besorgungen. Die Zeit für einen Schwatz oder ein gemeinsames Abendessen mit Freunden wird immer knapper. Oft erhält man bei Anfragen die Antwort "Sorry, wir haben noch Geschäftsessen und dann den Chlaushock vom Verein. Ach ja und die Kleine hat noch Adventsmarkt in der Schule. Komm lass uns im neuen Jahr was abmachen." In den Firmen schreit alles nach Jahresabschluss, auf den Strassen betteln unzählige Hilfswerke nach Geld. Im Radio laufen ab kurz nach August die ersten Xmas-Songs und die Shoppingtempel ersetzen gerne mal die Schoggi-Osterhasen direkt durch Weihnachtsmänner aus derselbigen Schokolade. An jeder Ecke steht spätestens ab November ein Strassenmusiker der uns so traurig anschaut, als ob er die letzten Tage unter einer kalten Brücke verbracht hätte und im Fernsehen liefern sie uns beinahe täglich einen Rückblick aufs abgelaufene Jahr. Ja, mit allen Mitteln wird uns es gesagt: Es ist Weihnachten, im Fall. Los sei besinnlich, jetzt! Kaufe, denn nur wer grosse Geschenke macht zeigt seine Liebe!
Ich weiss nicht, wie ich die moderne Weihnachtszeit finden soll. So ganz überzeugen tut sie mich nicht. Jedenfalls erinnere ich mich Jahr für Jahr an meine Kindheit zurück, an die Nena-Platte unterm Baum. Heute kauft man unterm Jahr halt oft worauf man gerade Lust hat, ein kurzer Click übers Internet und die neuen Songs der Sängerin sind auf dem iPhone gespeichert. Die Zeit für Geschichten vom Opa fehlt, ebenso das Zelebrieren der Adventszeit. Gestern hab ich mit einem guten Freund gesprochen, er hat gemeint: "Was ihr habt noch einen Adventskranz und sogar einen Christbaum? Voll altmodisch!" Ja, vielleicht. Aber manchmal bin ich gerne etwas altmodisch und zaubere mir die unschuldige Zeit von damals für einige Tage ins Haus. Ganz ohne Worte wie Reizüberflutung, Konsumwahn oder Stress. Einfach nur Weihnachten, pur und simpel.
Reto Fischer (39, Aarau) füttert das Internet seit 2004 täglich mit seinen Texten - sei es privat alias
Monsieur Fischer in seinem Blog oder beruflich über seine Ideen- und Textmanufaktur. Das Schreiben begleitet den ausgebildeten Journalist seit Kindsbeinen und anstatt im Schulaufsatz verarbeitet er seine Geschichten aus dem Mikrokosmos des frankophilen Eidgenossen heute im Blog - moderne Zeiten halt.
Vor lauter Schweinegrippe haben wir in den letzten Monaten fast ein bisschen vergessen, dass vor allem in der dritten Welt Tag für Tag Kinder an Krankheiten sterben, gegen die es eigentlich Medikamente gibt. Es liegt an uns, diesen Menschen die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen und so Leben zu retten. Die Aktion von DRS3
"Jeder Rappen zählt" kommt da gerade richtig. Tatsächlich kann man mit wenig Geld viel erreichen. Entsprechend habe ich
zusammen mit DRS3 eine Sammelaktion erstellt, welche sich an BloggerInnen richtet. Wenn also jeder sein Portemonnaie leert, kommt ein schöner Betrag für die notleidenden Menschen zusammen!